Sonntag, 13. Mai 2007
Chikuzan hitori tabi (1977)
Armut, unpathetisch erzählt
Tatsächlich erstaunlich, wie es Kaneto Shindô gelingt, über zwei Stunden einen großen Teil der Lebensgeschichte des 1910 geborenen und in früher Kindheit erblindeten Shamisen-Spielers Takahashi Chikuzan zu erzählen, und dabei gleich zwei große Schwierigkeiten des Stoffs zu meistern: die Darstellung der tristen Realität von Hunger, Leid und Armut nicht zu pathetisch, und das Gefangensein in der ewigen Wiederholungsschleife des qualvoll mühseligen Broterwerbs nicht zu eintönig werden zu lassen. Der Film hat deutlich einen nur bedingt dokumentarischen Anspruch, was sich unter anderem auch darin zeigt, dass die Handlung aus vielen kleinen Episoden besteht, die durch die Hauptfigur zusammengehalten werden. Trotzdem wird von der ersten Szene an Wert auf die Vermittlung einer Authentizität gelegt, in der der echte Takahashi Chikuzan in einem authentisch arrangierten Konzertausschnitt zu sehen ist. Der in den 70er Jahren zu spätem Ruhm Gekommene berichtet von den Umständen seiner Erblindung, und spätestens dann, wenn der Mann mit dem markanten Gesicht beginnt, sein Instrument zu spielen, wird es schwer, sich seiner Faszination zu entziehen. Der anschließende Übergang zur Spielhandlung aus seiner Erzählung heraus ist schlicht und elegant. Chikuzan wird auch später noch einige Male als Erzähler in die Handlung montiert, wobei sich immer neue Facetten in seinem Gesicht auftun. Auch wenn es im Film (dem Setting entsprechend, möchte man sagen) nicht an großen Gefühlen und schweren Schicksalsschlägen mangelt, verhindert doch der Humor und die lakonische, dabei sympathische Schlichtheit unseres Helden (und der Erzählung) das Aufkommen von Pathos. Bezeichnend zum Beispiel ein Gespräch mit einem früheren Weggefährten, den er nach Jahren der Wanderschaft wieder trifft:

- Are you still playing the shamisen?
- Actually, I am a bit tired, but I can't live without it.
- Where are you going?
- This is the end of a peninsula. All I can do is going back - or I'll fall into the sea.




Takahashi Chikuzan, der große Shamisen-Spieler, starb im Februar 1998 im Alter von 87 Jahren.

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